Nigeria: "Wir müssen nach Lösungen suchen"

10.03.2010 | München
Erzbischof von Jos ruft zum Gebet für die Menschen in seiner Heimat auf

"Sie töteten sogar Frauen und Kinder, sie hatten noch nicht einmal Mitleid um die Kleinen." Der Erzbischof von Jos in Zentralnigeria, Ignatius Kaigama, ist tief erschüttert über die Brutalität, mit der unbekannte Angreifer am Sonntag (7. März) gegenüber den Einwohnern in drei mehrheitlich christlichen Dörfern in seinem Bistum vorgegangen sind.

Augenzeugen berichten, dass die mutmaßlichen Täter um zwei Uhr nachts mit Gewehren, Messern und Macheten bewaffnet die Ortschaft Dogon Nahawa erst umstellten und anschließend überfielen.

Nachdem sie die Bewohner verwundet und getötet hätten, seien sie zum Angriff auf weitere umliegende Ortschaften weitergezogen. Einige Zeugen berichten zudem, dass flüchtende Bewohner mit Fischernetzen gefangen und zu Tode geschlagen wurden.

Ein Überlebender berichtet, dass die Angreifer anfangs in die Luft geschossen hätten, um die Dorfbewohner aus den Häusern zu treiben. Als sie Menschen herausgelaufen seien, hätten die Angreifer auf sie geschossen oder mit Macheten verletzt. Gleichzeitig wären die Häuser der Dorfbewohner angezündet worden.

Da der Angriff mitten in der Nacht stattfand, waren die Bewohner vollkommen unvorbereitet und überrascht. Der Überfall über zwei Stunden gedauert, berichtet der Erzbischof. Da zum Teil wild herumgeschossen worden wäre, sei die Überlebenschance gering gewesen.

Wie viele Menschen bei diesem Massaker ums Leben kamen, ist unklar. Der Gemeindepriester der zuständigen Pfarrei Shen, Philip Jamang, bestätigte 118 Tote, die er in den betroffenen drei Dörfern bei Massenbegräbnissen beisetzte. Weitere Quellen sprechen sogar von mindestens 400 Toten. Hunderte sind auf der Flucht oder liegen verletzt in Krankenhäusern. Die meisten werden wegen Schussverletzungen oder Schnittwunden durch Macheten behandelt.

Bei einem Gebet in einem Dorf in Nigeria.

Am Freitag, den 19. März, werde es in der Gemeinde Bukuru einen großen Gedenkgottesdienst für die Opfer geben, kündigte der Erzbischof an. Er rief alle Menschen dazu auf, insbesondere an diesem Tag für die Menschen in Nigeria zu beten.

Viele Menschen glauben, so Erzbischof Kaigama weiter, dass die Angreifer aus dem benachbarten Bundesstaat Bauchi. Dabei hätten sie möglicherweise Kontrollstellen umgangen. Seit Januar gibt es für die Gegend rund um die Stadt Jos eine vom Militär kontrollierte Ausgangssperre. Zu Jahresanfang kam es in der gleichen Region bereits zu Gewalt zwischen Muslimen und Christen, bei denen über 200 Menschen ums Leben kamen.

Festnahmen von fast 100 Verdächtigen

Ein Sprecher des Gouverneurs des Bundesstaats Plateau, dessen Hauptstadt Jos ist, machte Hirten des muslimischen Nomadenvolks der Fulani für die Attacken verantwortlich. Die Behörden hätten etwa 100 Menschen festgenommen. Einem Pressebericht zufolge waren es 300 bis 500 Angreifer.

Gleich einen Tag nach den blutigen Unruhen traf sich ein vom Präsidenten eingesetztes Friedenskomitee, das wegen der anhaltenden Spannungen in der Region gegründet worden ist. Dieses unmittelbare Treffen zeige, dass es der Rat ernst meine und über die Ereignisse bestürzt sei, so der Erzbischof.

Vorsitzender des Komitees ist Solomon Lar, oberster Gouverneur des Bundsstaates Plateau. Die weiteren 26 Mitglieder des Rates sind ehemalige Gouverneure und Generäle sowie religiöse Führer und Repräsentanten einiger Stämme der Region.

Straßenszene in der Stadt Jos.

"Wir müssen nach Lösungen suchen. Es ist zu einfach, wenn man sagt, dass es ein religiöser Krieg sei, bei dem Christen und Muslime kämpfen", betonte der Erzbischof. "Vielmehr müssen wir tiefer blicken: wir können nicht sagen, dass es nur ein religiöser Konflikt sei. Wir brauchen eine politische und soziale Lösung." Berichten zufolge seien die Tötungen am Sonntagmorgen eine Vergeltung wegen Streitigkeiten um Weideland und des Verlusts von Vieh zu Jahresbeginn.

Der Rat christlicher Religionsführer erhob in einer von einer Zeitung veröffentlichten Stellungnahme schwere Vorwürfe gegen die Armee. Demnach seien die in der Provinzhauptstadt Jos stationierten Truppen benachrichtigt worden, als das christliche Dorf von den muslimischen Nomaden belagert wurde.

Allerdings seien die Soldaten erst Stunden nach dem Überfall in dem nur fünfzehn Kilometer entfernten Dorf eingetroffen. Viele Menschen vertrauen daher nicht mehr der Armee, sie fühlen sich von der Regierung allein gelassen. Aus Angst vor weiteren Überfällen sind viele geflohen und trauen sich nicht in ihre Heimatdörfer zurück.

Sie hoffen auf eine friedliche Zukunft: Kinder in Nigeria.

Weltweit reagierten Kirchenvertreter und Politiker mit Entsetzen auf die blutigen Auseinandersetzungen in Nigeria. Politische und religiöse Führer sollten sich zusammensetzen und eine dauerhafte Lösung für die Ursachen der Gewalt ausarbeiten, sagte UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon.

Unser Hilfswerk bittet um das begleitende Gebet für die Menschen in Nigeria, insbesondere am 19. März.

Quelle: Pressemeldung KIRCHE IN NOT / Ostpriesterhilfe Deutschland e.V.

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