Schutz vor der Flut
Herr Novak, erst Tsunami-Warnung, kurz darauf Entwarnung. Ist das vielleicht ein Anzeichen von übermäßiger Furcht?
Olaf Novak: Nein, ganz im Gegenteil. Angesichts der verheerenden Wirkung, die ein Tsunami haben kann, ist besondere Vorsicht geboten. Und da Tsunamis sich unglaublich schnell verbreiten, muss man auch schnell handeln: immerhin kann so eine Welle die Geschwindigkeit eines Flugzeuges erreichen, also 800 Kilometer pro Stunde.
Wie das?
Novak: Nehmen wir den häufigsten Fall als Beispiel: ein durch ein Seebeben hervorgerufener Tsunami. Wenn es ein Seebeben mit einer hohen Stärke gibt, welches die Wassermassen mit einer gewissen Richtung ruckartig bewegt, dann entwickelt sich eine sehr flache und sehr schnelle Flutwelle. Bewegt sich diese Flutwelle auf Land zu, wird sie zwar durch das flachere Wasser langsamer, aber sie beginnt sich aufzutürmen.
Das tun normale Wellen doch auch, wenn sie auf Land treffen.
Novak. Ja, aber in einem ganz anderen Ausmaß. Die Wassermengen, die durch das Erdbeben bewegt werden, sind viel größer als bei normalen Wellen und deswegen wird die Welle auch stärker und vor allem höher, viel höher. Sie wird typischerweise 10 Meter hoch, kann aber durchaus auch mal 50 oder 60 Meter hoch werden. Man muss sich vorstellen, was passiert, wenn sie auf Land trifft.
Allianz Bild
Der Tsunami: mit 50 Metern Höhe und Geschwindigkeiten über 800 Stundenkilometern eine verheerende Bedrohung
Das wäre so eine Welle wie Weihnachten 2004 im Indischen Ozean?
Novak: Genau, aber nicht nur dort können solche Wellen entstehen. Auch in Europa gab es schon verheerende Tsunamis. Wir haben Berichte aus dem Jahr 1755 über ein Erdbeben in Portugal, welches die Hauptstadt Lissabon zerstörte. Als die Menschen versuchten, den Trümmern, von denen viele in Brand geraten waren, zu entkommen, und sich an den Strand flüchteten, wurden sie das Opfer eines Tsunamis.
Tsunamis sind also nicht allein ein Phänomen Asiens, wie der Name es andeutet?
Novak: Tsunami ist japanisch und bedeutet "Hafenwelle". Das spielt darauf an, dass Tsunamis vor allem in Küstennähe an Bedrohlichkeit zunehmen. Das kann an vielen Küsten der Fall sein. Auch kommen nicht nur Erdbeben als Auslöser in Frage. Auch Vulkanausbrüche oder Erdrutsche können eine solche Welle in großen Gewässern auslösen, z.B. auch bei Binnenseen.
Nach dem großen Tsunami an Weihnachten 2004, der allein in seiner ersten Phase acht Länder erreicht und viele Menschenleben gekostet hat, wurde das Frühwarnsystem in Asien ausgebaut. Wie funktioniert das eigentlich?
Novak: Man hat ein dichtes Netz an Erdbebenmessstationen gebaut. Diese Stationen messen Beben und geben dann die Informationen in Echtzeit weiter. Droht ein Tsunami, kann eine frühzeitige Warnung erfolgen. Erdbebenwellen sind viel schneller als Tsunamiwellen, daher hat man einen Zeitvorsprung, um die die Bevölkerung zu warnen. Eindeutig vorhersagen lässt sich so ein Tsunami aber nicht. Zudem darf man keine Zeit verlieren, denn die 800 Stundenkilometer, die eine Tsunamiwelle erreichen kann, sind immer noch bedrohlich schnell.
Und was mache ich, wenn ich die Welle kommen sehe?
Novak: In diesem Fall ist es das Beste, ein möglichst stabiles Gebäude aufzusuchen. Hier zählt jeder Meter, jedes Stockwerk. Am besten ist Stahlbeton, also beispielsweise neu gebaute Hotels, auch wenn diese strandnah stehen. Sie bieten in diesem Fall besseren Schutz als beispielsweise ein Holzhaus, das von der Welle erfasst und zerstört würde. Im Fall einer Warnung darf man aber nicht warten, bis man die Welle kommen sieht, sondern muss sofort höher gelegene Gebiete aufsuchen. Dort sollte man in jedem Fall bis zur Entwarnung ausharren, denn Tsunamis können auch in mehreren Wellen auftreten.
Quelle: Pressemeldung Allianz
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